Das korrupte Imperium (gebundenes Buch)

Ein russisches Panorama
ISBN/EAN: 9783446203785
Sprache: Deutsch
Umfang: 264 S.
Format (T/L/B): 2.5 x 21.9 x 15 cm
Einband: gebundenes Buch
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Korruption - das einzige Prinzip, das in Russland immer und überall respektiert wird. Kerstin Holm, die seit vielen Jahren für die Frankfurter Allgemeine Zeitung aus Moskau berichtet, beschreibt die russische Korruption als Wurzel aller sozialen, politischen und ökonomischen Probleme von der Zarenzeit bis heute. Eine große Reportage über die russische Gesellschaft, die zeigt, warum es Russland so schwer fällt, den Anschluss an Europa zu finden.
MaskentheaterPräsident Putin träumte schon als Schüler davon, für den Staatssicherheitsdienst KGB zu arbeiten, weil er glaubte, daß dort ein fähiger einzelner Dinge bewirken könne, die ganze Armeen nicht erreichen.45 Daraus spricht das russische Ideal der Staatsmacht als höchstem Gut, deren Gedeihen Putin nicht durch brachiale russische Heldentaten, sondern eher durch jene Klugheit fördern wollte, welche die Akteure auf oder hinter der gesellschaftlichen Bühne geschickt gegeneinander ausspielt. Die Jurisprudenz studierte er nach eigenem Bekenntnis, weil dies für eine KGB-Karriere die beste Voraussetzung darstellte. Seine eigentliche »Universität« sei jedoch die Dschungelfreiheit als Straßenjunge in den Leningrader Hinterhöfen gewesen, wo das Kampfsporttraining ihm half, seinen Mann zu stehen.46 In der russischen wie sowjetischen Tradition und zumal im geheimdienstlichen Verständnis ist eine Rechtsauffassung, die mit individualistischem Pathos daherkommt, undenkbar. Putins Ethos erscheint daher als das beste Gegengift, um die außer Rand und Band geratenen Persönlichkeiten der Jelzin-Epoche an die Kandare zu bekommen. Der Präsident, der aus dem Geheimdienst kam, wollte eine »Diktatur des Gesetzes« errichten. Man darf bezweifeln, daß er sich darunter ein transparentes Rechtssystem mit gleichen Spielregeln für alle und gar einen Schutz des einzelnen vor Übergriffen seines Staates und dessen Vertretern vorstellte. Eher mag ihm ein Spiel der gesellschaftlichen Kräfte vorgeschwebt haben, bei dem die Staatsmacht nie die Kontrolle verliert, weil sie unsichtbar bei allen Akteuren mit im Bett liegt. Ein solcher Rechtsbegriff zeugt von einem prinzipiellen Mißtrauen und Steuerungswillen dem Menschen gegenüber, den man als realistisch und vernünftig oder als übertrieben autoritär auffassen kann. Auf jeden Fall ist seine logische praktische Umsetzung jenes ewige Doppelspiel, die Unfähigkeit oder den Unwillen, die Karten auf den Tisch zu legen, das Paul Klebnikow als die Signatur des russischen Geheimdienstes und der alten wie der neuen Staatsmacht beschrieben und kritisiert hat.47 Russische Rechtshändel erinnern oft an Mantel-und-Degen-Dramen beziehungsweise an Kämpfe mit Schild und Schwert, wie sie die Rittermythologie der Sowjetunion ihrem Geheimdienst angedichtet hat. Rußland besaß nie eine Zivilgesellschaft und wird es vielleicht nie tun. In den neunziger Jahren haben sozialistisch sozialisierte Akteure mit kriminellem Training oder einer radikalkapitalistischen Ideologie, wie sie für frisch Bekehrte charakteristisch ist, das Recht auf Eigentum aus einem unfreundlichen Boden gestampft. In Auseinandersetzung mit den neuen Besitzenden, deren Raubtierqualitäten wohl keiner vorausgesehen hat, die sich aber den globalen wirtschaftlichen Prozessen aufs schönste einpassen, mußte und muß der Zentralstaat seinen Platz erkämpfen. Die zum Rechtsschutz berufenen Organe nahmen die Herausforderungen der Zeit an und griffen dabei manchmal zu Methoden, welche sie von Kriminellen auf den ersten Blick schwer unterscheidbar machten. Besonders theaterwirksam war eine Reihe von Razzien, bei denen schwerbewaffnete und wie Bankräuber maskierte Sondereinsatztruppen in die Büroräume großer Firmen einfielen, welche die Staatsanwaltschaft unlauterer Geschäfte oder schwerer Steuerhinterziehung verdächtigte. Bei den in der Öffentlichkeit als »Masken-Shows« apostrophierten Überraschungsangriffen wurden in der Regel Geschäftspapiere und ganze Computer abtransportiert, bevor die Belegschaft dazu kam, besonders sensible Materialien zu beseitigen. Namhafte Schauplätze waren in Moskau die Ölfirmen